1 - Der kleine Junge lernt die große bunte Qualle kennen

OvW Finn und Jelly Geschichte 1 Bild 1 - Finn läuft zum Strand

"Wer weiß, was heute noch alles passieren kann!" Mit leichten Sprüngen hopst ein kleiner Junge am Meer entlang. Er ruft die Worte immer wieder fröhlich in den Wind. Der Strand ist leer und niemand ist weit und breit zu sehen. Ein schöner Tag, an dem noch viel passieren kann. Die Sonne strahlt und die Haare des Jungen auch. Und wie sie strahlen! Er nimmt Anlauf und springt über eine große Ansammlung von Muscheln, um sie nicht kaputt zu treten. Doch der Sprung geht schief. Er fällt in den Sand und landet mit dem Gesicht in Richtung Wasser.

Noch bevor der Junge den Schmerz spüren kann, wird er abgelenkt, denn plötzlich entdeckt er dieses bunte Leuchten im Meer. Aufgeregt steht er auf und läuft an den Rand des Wassers. Er kann nicht glauben, was er sieht. Es ist ganz anders als sonst, wenn das Meer überall blau ist. Die Farben werden an einer Stelle immer stärker. Der kleine Junge läuft bis zu den Knien ins Wasser und hält den Atem an. Und dann erkennt er es. Vor ihm schwimmt eine riesengroße Qualle. Aber nicht nur das. Nein, sie ist bunt und leuchtet in den unterschiedlichsten Farben: ein bisschen rot, blau, grün, gelb − von jedem etwas. Mit jeder Bewegung ändern der Körper und die langen Tentakel ihren Farbton. So etwas Schönes hat er noch nie gesehen.

OvW Finn und Jelly Geschichte 1 Bild 2 - Finn entdeckt die bunte Qualle

Doch die Gedanken des Jungen werden plötzlich unterbrochen, als er eine zarte Stimme hört: "Ach, wie schön diese Haare sind!" Die Worte kamen eindeutig von der Qualle. "Das glaube ich nicht", antwortet der Junge. Ganz anders als die meisten Kinder scheint er nicht verwundert zu sein, dass die Qualle spricht. Stattdessen sagt er nachdenklich: "Niemand will so eine Haarfarbe." "Du verstehst, was ich sage?" Erstaunt sieht die Qualle den Jungen an, wird ganz grün vor Überraschung und wackelt aufgeregt mit ihrem wabbeligen Körper. "Natürlich. Ich verstehe alle Meeresbewohner und kann mit ihnen sprechen." "Das ist sehr ungewöhnlich", meint die Qualle und wechselt ihre Farbe zu einem hoffnungsvollen Blau. "So jemanden habe ich noch nie getroffen." "Meine Oma sagt immer, ich sei etwas ganz Besonderes", erklärt der Junge und macht dann plötzlich ein ernstes Gesicht. "Aber sie ist die Einzige. Sie ist auch die Einzige, die mir glaubt, dass ich mit Fischen und anderen Meerestieren sprechen kann", erzählt er weiter und sieht nun richtig traurig aus. "Die Kinder in meiner Schule sagen, ich wäre ein Spinner und ein Lügner". "Nun, das ist nicht nett", antwortet die Qualle und zeigt ihre Verärgerung in einem dunklen Violett. "Sie sind auch nicht nett", sagt der Junge und guckt unglücklich aufs Wasser hinaus. Doch da sieht er in seinen Augenwinkeln das wunderschönste bunte Strahlen. Es scheint, als ob die Qualle nur für ihn leuchtet und die lustigen Schwimmbewegungen macht.

"Du bist die schönste Qualle mit den tollsten Farben, die ich je gesehen habe." Der Junge klingt wieder viel fröhlicher und die Qualle wechselt zu einem warmen Rotton. "Das ist sehr nett", sagt sie. "Und um noch einmal darauf zurückzukommen", fährt sie fort, "deine Haare sind wirklich toll. Früher hätte ich sehr gerne so eine Farbe gehabt!" "Aber meine Haare sind weiß, fast durchsichtig!", protestiert der Junge. "Niemand will so etwas." Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: "Und weil ich auch noch ganz blaue Augen habe, sagen die Kinder immer, ich wäre ein Husky. Weißt du, so wie die Hunde im Norden. Einige von denen sind auch ganz weiß und haben blaue Augen. Deshalb rufen sie ‚Husky‘ hinter mir her und machen ein fürchterliches Hundegeheul."

OvW Finn und Jelly Geschichte 1 Bild 3 - Finn ist betrübt, weil andere Kinder ihn wegen seiner weißen Haare Husky nennen

Zusammen mit einem zornigen Gesichtsausdruck wechselt die Qualle in einen unschönen, giftigen Gelbton. Nichts an ihr leuchtet mehr. "Das muss man sich mal vorstellen", meint sie nachdenklich. "Als ich klein war, wurde ich von den anderen Quallen immer geärgert, weil ich nicht weiß bin oder wenigstens einfarbig. Sie sagten, niemand wäre bunt und ich wäre gar keine richtige Qualle. Erst habe ich mich geärgert, aber inzwischen ist mir das egal. Denn weißt du was?" Plötzlich wird sie wieder farbenfroh: "Es gibt so viele verschiedene Tiere hier im Wasser, in allen Farben und Formen, und es ist egal, wie ich aussehe und welche Farbe ich habe.“ Staunend hört der Junge zu: "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal jemanden treffe, der mich versteht."

Die Qualle leuchtet in einer herzlichen Orange-Rot-Mischung: "Hat denn der, den ich so gut verstehe, auch einen Namen?" "Finn. Ich heiße Finn und bin sieben Jahre alt". "Freut mich sehr, Finn. Und ich bin Jelly. Aber wie alt ich bin, kann ich dir nicht so richtig sagen.“ „Jelly, wie schön! Klingt irgendwie wie Glibberpudding. Ich mag Glibberpudding“, sagt Finn und lacht, bis die Qualle neugierig fragt: „Sag mal, was machst du eigentlich so früh am Morgen hier wenn alle anderen noch schlafen?" "Oh, ich bin zu Besuch bei meiner Großmutter", fängt der Junge an zu erzählen. "Sie sagt immer, dass Menschen mit so weißen Haaren aus dem Meer kämen. Das wäre auch der Grund, warum ich das Meer so sehr mag. Doch ich bin nicht sicher, ob ich das glauben soll. Meine Familie wohnt in einer großen Stadt. Doch da gefällt es mir nicht so gut. Ich bin viel lieber hier am Meer. Jede Ferien besuche ich meine Oma und gehe ganz lange am Wasser spazieren, vor allem in den ersten Stunden des Tages, wenn alles noch leer und ruhig ist. Das ist so schön. Manchmal begegnen mir dann auch Fische oder andere Meeresbewohner, mit denen ich mich gerne unterhalten würde, um ganz viel über das Leben im Wasser zu erfahren. Aber sie erschrecken sich immer, weil ich ihre Sprache spreche, und schwimmen aufgeregt davon. Du bist eigentlich die erste, die dageblieben ist."

Interessiert zuhörend paddelt die Qualle hin und her. Es scheint, als würde sie über etwas nachdenken. Und dann sagt sie etwas wirklich Unglaubliches: „OK, Finn, pass mal auf. Ich bin mir nicht sicher, ob es klappt, denn ich kenne es nur aus alten Quallengeschichten. Aber ich glaube, wir sollten es einfach mal wagen! Wenn du mir vertraust und wirklich Abenteuer im Meer erleben willst, dann gib mir jetzt deine Hand und hab keine Angst.“ Gleich darauf streckt die Qualle ihm eine ihrer Tentakeln entgegen. Der Junge nimmt all seinen Mut zusammen, greift zu und dann geschieht es. Eine noch nie gefühlte Energie fließt durch seinen Körper. Verwundert sieht er die Qualle an: „Jelly, du bist ja ganz weiß!“

OvW Finn und Jelly Geschichte 1 Bild 4 - Finns Haare werden bunt, wenn Jelly ihn berührt

„Und du mein Freund hast ganz bunte Haare“, lacht sie und jubelt. „Es hat geklappt. Komm, tauch unter und entdecke mit mir das Meer!“ Ob so etwas gehen kann? Sehr unsicher geht Finn unter Wasser. Doch wirklich: Zusammen mit der Qualle kann er im Wasser wie ein Fisch atmen. Nun wird er ganz mutig. Die beiden schwimmen quer durch einen Fischschwarm, der erschrocken flüchtet, als der Junge „Hallo“ sagt. Lachend erkunden sie den Meeresgrund und die große bunte Qualle erklärt Finn, was er sieht. Was für ein wunderbares Abenteuer.

OvW Finn und Jelly Geschichte 1 Bild 5 - Finn und Jelly schwimmen zusammen unter Wasser

Doch irgendwann muss der Junge zurück zu seiner Oma, damit die sich keine Sorgen macht. Als sie aus dem Wasser auftauchen, werden Finns Haare wieder weiß und die Qualle bekommt ihre bunten Farben zurück. "Das war echt spannend. Wie schön es im Meer ist", sagt Finn ganz begeistert zum Abschied. "Ich hätte heute Morgen nicht gedacht, dass ich so viel Spaß haben werde. Es ist toll, wenn man einen Freund hat. Ich möchte alles über das Meer und seine Bewohner lernen." "Oh, da kann ich dir noch so Vieles zeigen." Die Qualle streckt ihre Tentakel von sich, macht Schwimmbewegungen und leuchtet in einem liebevollen Rot, einem glücklichen Grün, einem harmonischen Blau und einem sonnigen Gelb.

"Werden wir uns wiedersehen?", fragt Finn. "Aber natürlich, wir sind doch jetzt Freunde! Wenn ich nicht in den Weltmeeren unterwegs bin, schwimme ich hier am Strand entlang und halte nach dir Ausschau. Das kann ja nicht so schwer sein, dich zu finden, bei deinen leuchtend weißen Haaren." Die Qualle strahlt vor Freude. "Und ich dich, bei diesen schönen Farben, die du machen kannst." "Da siehst du mal, wie gut wir es haben", lacht die Jelly, und dann lacht Finn und am Ende lachen sie beide so lange, bis der Junge gehen muss und die Qualle abtaucht.

Natürlich kann man am Morgen nicht wissen, was alles noch passieren wird. Deshalb sollte man immer schön die Augen aufhalten, hatte die Großmutter gesagt. Wir recht sie gehabt hatte, dachte Finn. An diesem Abend schläft er sehr zufrieden ein. Er hatte ein unglaubliches Abenteuer erlebt und einen Freund gefunden. Zusammen werden sie das Meer erkunden. Wer weiß, was er da noch alles erfahren wird.

OvW Finn und Jelly Geschichte 1 Bild 6 - Finn träumt glücklich von dem Meeresabenteuer mit Jelly

© 2018 Verlag Ohne viele Worte, Text: Cordelia Albert, Illustration: Ayuko Tanaka